Zur Eröffnung des Events hörten wir eine fesselnde Rede von Bundesrätin Viola Amherd. Mit ihren klaren Worten betonte sie, dass wir uns in Zeiten steigender Spannungen zwischen Grossmächten befinden. Nur durch gemeinsame Anstrengungen sei ein vereintes und sicheres Europa möglich. Zum Ukraine-Konflikt sagte Amherd: „Der Krieg in der Ukraine zeigt die ganze Breite einer hybriden Konfliktführung, mithilfe des Einsatzes von Desinformation, Propaganda, Cyberangriffen, Einsatz von Spezialkräften, Angriffen auf kritische Infrastrukturen und Destabilisierungsaktionen bis hin zum bewaffneten Konflikt.“ Die Bedrohung habe sich weltweit negativ verändert, als Beispiele nannte Amherd Gaza oder den Konflikt in Bergkarabach. Weiter sagte sie: „Diese Kriege werden oftmals mitten in der Zivilbevölkerung ausgetragen und als Stellvertreterkriege von Grossmächten genutzt. Wir sehen heute mehr Konfliktmanagement als Konfliktlösung. “ Die Schweiz müsse ihre eigene Verteidigungsfähigkeit stärken und die internationale Zusammenarbeit ausbauen, mit dem Ziel, die eigenen Fähigkeiten zu stärken und zudem Beiträge an die Sicherheit Europas zu leisten. Zum Schluss wurde Amherd mit sehr interessanten Fragen herausgefordert. Sie reagierte schlagfertig und blickt insgesamt sehr optimistisch auf die Zusammenarbeit, sowohl europa- wie auch weltweit.
Europa stärken
Beim Lucerne Dialogue 2023 standen auch drei junge Persönlichkeiten im Rampenlicht, die darüber nachdachten, wie wir Europa stärken können.
Selin Yilmaz, Präsidentin der Youth Atlantic Treaty Association International, betonte, dass unsere „Generation Z“ anders ticke. In ihrer Kindheit sei die Welt sicher gewesen, es sei eine Art „Golden Age“ gewesen. Leider können wir diese Sicherheit unserer Väter nicht weitergeben. Yilmaz ist dennoch überzeugt: Zusammen können wir Europa stärken, nach dem Motto „Alle für einen, einer für alle.“ Sie zitierte Kofi Annan, den ex-UNO-Generalsekretär, der einmal gesagt hatte: „The world is not ours to keep, we hold it in trust for future generations.”
Michael Sobczyk wuchs in den 90er-Jahren in Osteuropa auf. Mit der neu erlangten Freiheit nach 40 Jahren russischer Besatzung hatte die Bevölkerung nur ein einziges Narrativ – sie möchten Europa beitreten. Sobczyk denkt, wir hätten den Glauben an Europa verloren. Wir würden ein gemeinsames Narrativ benötigen, wie alle Grossmächte auf der Welt. Er blickt jedoch optimistisch in die Zukunft und lädt uns alle dazu ein, wieder zu lernen, gemeinsam zu gewinnen.
Ingi Menhus schliesslich, die Gründerin von „pocket stories“, möchte, dass wir uns selbst verstehen. Europa fokussiere sich zu sehr auf Unterschiede statt Gemeinsamkeiten. Um die Weltprobleme zu verstehen, müssen wir uns zudem selbst verstehen. Es sei unwichtig, welche Lösung wir für richtig halten, sie werde von unserer Herkunft beeinflusst. „Wir müssen unsere Lebensgeschichte verstehen, um gute Vorbilder für unsere Kinder zu sein“, meinte sie eindringlich.
Als Referentin sprach auch noch die Deutsche Petra Ehmann. Heute in leitender Stellung bei Ringier Schweiz tätig, ist sie in Boliviens Hauptstadt La Paz aufgewachsen, war danach Absolventin der Stanford University in Amerika, ehe sie 1996 nach Deutschland zog. In ihrer Biographie hat sie gelernt, dass technologische Innovation unabhängig von Nation oder Reichtum kommt. Auch Europa hat eine hohe Innovationskraft Europas. Es gibt aber ein Problem: mangelnde Vermarktung. Europa sähe zwar die Samen, aber andere ernten die Früchte. Die ersten MP3-Player zum Beispiel seien eine europäische Erfindung gewesen, aber andere hätten später die grossen Gewinne daraus gezogen. Ehmann kritisierte im Wesentlichen die geringe Risikobereitschaft in Europa, besonders bei Investitionen in Start-ups. In Business-Meetings erlebe sie oft, dass Investoren nur in etablierte Firmen investierten und den Start-ups zu wenig vertrauten. Dies sei schädlich für das gesamte „Ökosystem“. Im Vergleich dazu seien Amerikaner viel offener und würden investieren, wenn das Mindset stimme. „Europa trägt ein Stigma, nicht gerne in Start-ups zu investieren“, meinte Ehmann abschliessend. Ehmann empfiehlt ausserdem, Mitarbeitende auch nach ihrem Mindset, nicht nur nach ihren Fähigkeiten einzustellen. Man müsse mit innovativen Menschen arbeiten, die sich an neue Produkte heranwagen. Ihr Credo lautet ganz nach NHL-Legende Wayne Gretzky: „Good players go where the puck is, great players go where the puck is going to be“.
Fazit
„Lucerne Dialogue“ bot einen Einblick in die aktuellen Themen und Herausforderungen, mit denen Europa konfrontiert ist. Die Vielzahl der Ansichten, politischen Visionen bis hin zu innovativen Ideen, vermittelte den Eindruck einer lebendigen und engagierten Gemeinschaft. Die Erkenntnis, dass Zusammenarbeit und Innovationsfreude entscheidend sind, um Europa zu stärken, ist inspirierend. Solche Dialoge müssen weiterhin stattfinden. Und konkrete Massnahmen für eine nachhaltige Zukunft sollen vorangetrieben werden.
Text von Yerusalem Tewelde